Senegal

Senegal

Senegal – Länderbericht – Philine Kieslich

I. Überblick

Der Senegal liegt im westlichsten Teil des afrikanischen Kontinents und grenzt an Mauretanien, Mali, Guinea und Guinea-Bissau. Als frankophones Land umgibt es Gambia, ein kleines anglophones Land. Von den 16,7 Millionen Einwohner:innen lebt ein Viertel in der Metropolregion der Hauptstadt Dakar (0,3 % des Staatsgebiets). Insgesamt verteilt sich die Bevölkerung zur Hälfte auf die Westküste, die andere Hälfte besiedelt den deutlich größeren Teil des Landesinneren. Außerhalb Dakars ist das Land ländlich geprägt, in vielen Dörfern leben die Menschen noch in den ursprünglichen Lehmhütten und von der Landarbeit.
Die Bevölkerung ist sehr jung, etwa 43 % ist unter 15 Jahren alt. Die Fertilitätsrate lag 2019 bei durchschnittlich 4,5 Kindern pro Frau und damit unter dem afrikanischen Durchschnitt von 5 Kindern. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt knapp 68 Jahre. Das Land hat damit eine der höchsten Lebenserwartungen in Afrika.

Das Gebiet des Landes war vor der Kolonialzeit Teil verschiedener Königreiche, unter anderem des Malireichs. Ab dem 15. Jahrhundert betrieb die Region Handel mit portugiesischen Seefahrern und wurde durch gegensätzliche Interessen zunehmend instabil. Mit dem Sklavenhandel und seiner sehr westlichen Lage wurde das Land auch für andere Länder interessant, sodass neben den portugiesischen auch britische, französische und niederländische Kolonien entstanden. Die Insel Gorée vor Dakar wurde ein Hauptumschlagplatz für den westafrikanischen Sklavenhandel, gleichzeitig breitete sich die französische Kolonie immer weiter aus, bis sie 1891 das gesamte senegalesische Gebiet kontrollierte. Die quatre communes Saint Louis, Gorée, Rufisque und Dakar wurden Gemeinden mit vollem französischen Bürgerrecht. Hier entwickelte sich die Gesellschaft nach französischem Vorbild. 1914 wurde Blaise Diagne zum ersten afrikanischen Vertreter der Vier Kommunen im französischen Parlament in Paris gewählt. 1902 wurde Dakar Hauptstadt der 1895 gegründeten Konföderation Afrique Occidentale Française (AOF). Obwohl Senegal im Jahre 1960 unabhängig wurde, ist dieser französische Einfluss bis heute stark spürbar. Die einzige Amtssprache des Landes ist die Kolonialsprache Französisch, die Infrastruktur wurde von Frankreich geprägt.

Der größte Teil der Senegales:innen gehört der Ethnie der Wolof an. Sie sind Muslime und haben mit Wolof ihre eigene Sprache, die auch die wichtigste Volkssprache und vor allem die von der ländlichen Bevölkerung am meisten gesprochene Sprache des Landes ist. Neben den Wolof gibt es einige andere Völker, von denen insbesondere die Serer von Bedeutung sind. Serer sind teilweise Christen und ein Bauernvolk. Der erste Präsident der Republik Senegal, Léopold Sédar Senghor, gehörte den katholischen Serern an und prägte mit seinem europäischen Einfluss ab 1960 einen laizistischen Staat, der den Bestand anderer Religionen neben dem sich in absoluter Mehrheit befindenden Islam respektiert. Zudem führte Senghor ein, dass Feste beider Religionen als staatliche Feiertage gelten. So bleiben sowohl an Ostern als auch während Eid al-Adha die Schulen geschlossen. Für diesen progressiven Schritt ist der nicht unumstrittene Senghor weit über die senegalesischen Grenzen bekannt.

Nach Senghor, der bis 1980 Präsident war, ging es für das Land wirtschaftlich bergab. Der Boden im Senegal ist sehr trocken, da das Land nah an der Sahara liegt. Die Abhängigkeit von wenigen Exportgütern wie Erdnüssen, Phosphaten und Fisch sowie rasches Bevölkerungswachstum führten zu Verarmung und wachsenden sozialen Spannungen, zu denen seit 1982 auch die Abspaltungsbestrebungen der Casamance, der südlichen Region Senegals unterhalb von Gambia, kamen.


II. Menschenrechtliche Lage

Vorweg ist zu betonen, dass die senegalesische eine der sichersten und beständigsten Demokratien Afrikas ist. Auf dem Freedom-in-the-world Index von 2019 wurde Senegal als „frei“ eingestuft, grundlegende Freiheitsrechte wie die Religions-, die Presse- und die Versammlungsfreiheit werden grundsätzlich gewährleistet. Zudem ist Korruption ein im Vergleich zu anderen afrikanischen Staaten geringes Problem im Senegal. Der Ibrahim Index of African Governance, der u.a. Sicherheit, Regierungsführung und Gleichheit bewertet, listet den Senegal auf Platz 9 von 54.

Nichtsdestotrotz ist die menschenrechtliche Lage im Senegal keineswegs unproblematisch. Anfang des Jahres 2021 fanden Proteste statt, nachdem der beliebte Oppositionsführer Ousmane Sonko wegen einer Vergewaltigung verhaftet wurde – vielfach wurde angeführt, dass dieser Vorwurf und die Verhaftung politisch motiviert gewesen seien, weil Sonko dem aktuellen Präsidenten Macky Sall zu stark geworden sein soll. Die Proteste gegen diese Verhaftung wurden gewaltsam niedergeschlagen, dabei starben 13 Zivilist:innen. Es wurden mit Verweis auf die andauernde Pandemie strenge Ausgangssperren erlassen und die Versammlungsfreiheit stark eingeschränkt. Zudem sperrte die Regierung den Zugang zu sozialen Medien wie Twitter, Facebook und Youtube, um die Proteste klein zu halten. Trotz garantierter Presse- und Meinungsfreiheit war eine kritische Berichterstattung also nicht möglich. Sall wurde stark für seine Handhabung dieser Krise kritisiert. Trotzdem gibt es erste Anzeichen dafür, dass er eine dritte Amtszeit anstrebt, auch wenn die Verfassung seit einigen Jahren nur die Möglichkeit einer einmaligen Wiederwahl vorsieht. Wie in vielen afrikanischen Ländern steht die Frage im Raum, ob die Pandemie und die damit einhergehende gesetzliche Notstandslage eine Art Komplize des Präsidenten wird, sich selbst zur Langzeitherrschaft zu verhelfen. Eine rechtsstaatliche Krise könnte also folgen.

Ein weiteres Problem sind linguistische Diskriminierungen und die Verwehrung von politischer Teilhabe. Wie bereits angedeutet, ist die einzige offizielle Sprache die Kolonialsprache Französisch. Eine Entwicklung wie in Südamerika, wo sich die ehemalige Kolonialsprache als lingua franca auch unter der einheimischen Bevölkerung ausbreitet, ist in den soziolinguistischen Prozessen Afrikas nicht zu beobachten. Im Senegal sprechen nur 10 % der Bevölkerung fließend Französisch und nur ca. 40-50 % verstehen die Sprache der ehemaligen Kolonialmacht. Alle administrativen Vorgänge, Lehre und Forschung finden auf Französisch statt, eine Sprache, deren Erlernen in erster Linie privilegierten Personen möglich ist. Wenn schon die Sprache im eigenen Land eine Hürde darstellt, ist soziale Mobilität schwer vorstellbar. Die am weitesten verbreitete Sprache in Senegal ist Wolof, die von mehr als 95 % der Bevölkerung verstanden wird. Bis vor kurzem war aber kein einziger Verfassungstext auf Wolof erhältlich und demokratische Partizipation an der Basis dadurch nicht möglich. Senegal ist eines der wenigen afrikanischen Länder, die ausschließlich die alte Kolonialsprache als Amtssprache haben. Zurückzuführen ist das – mit Blick auf seinen Einsatz für die „Negritude“ ambivalenterweise – auf Senghor. Im kolonialen Kontext ist die Verteidigung der afrikanischen Kultur in französischer Sprache verständlich, denn sie richtete sich an die Kolonialherren und an die Weltbevölkerung. Das Erbe Senghors stellt sich heute aber als Demokratiehemmnis dar. Wissenschaftlicher Fortschritt und wirtschaftliche Entwicklung setzen ein relativ hohes Bildungsniveau der Bevölkerung voraus, nicht lediglich einer kleinen intellektuellen und politischen Elite. Die breiten Bevölkerungsschichten können wiederum bildungstechnisch nicht erreicht werden, wenn die Schulerziehung in einer Fremdsprache stattfindet. Einige senegalesische Linguisten sprechen von einer „Wand“, die die intellektuellen Kräfte der Schüler auf den Erwerb der Fremdsprache Französisch konzentriert und von den Lerninhalten abzieht, bzw. zu einem puren Auswendiglernen der Inhalte ohne deren Verstehen verleitet. Die zur Entwicklung des Landes notwendigen Informationen können nicht wirkungsreich verbreitet werden. Dadurch wird nicht nur der wirtschaftliche, sondern auch der politische Fortschritt be- oder sogar verhindert. Die politische Meinungsbildung ist auf eine kleine alphabetisierte Elite begrenzt. Sogar viele alphabetisierte Schüler „desalphabetiseren“ sich nach einem relativ kurzen Schulbesuch wieder, während in Staaten mit einem „elementaren Bilinguismus“ (afrikanischen Sprachen in den Grundschulen) zumindest die erworbenen Fähigkeiten erhalten bleiben.

Wie in vielen afrikanischen Ländern ist es noch ein weiter Weg zur Gleichstellung der Geschlechter und von Minderheiten. Das, was Kamala Harris vor Kurzem über Frauenrollen und Demokratisierung gesagt hat („The status of women ist the status of democracy“), lässt sich auch auf den Umgang mit Minderheiten übertragen. Staaten, die geeignete Maßnahmen zur Anerkennung und Förderung von Minderheitenrechten ergreifen, bleiben mit größerer Wahrscheinlichkeit tolerant und stabil.
In diesen Teilbereich fallen zum einen sexuelle Minderheiten. Grundsätzlich gilt im deutschen Asylrecht, dass der Senegal ein sicheres Herkunftsland ist – außer, eine Person ist homosexuell. Homosexuelle Handlungen sind pönalisiert und werden mit Haft und/oder Bußgeldstrafen verfolgt. Das Thema ist tabuisiert, einen gesetzlichen Schutz gegen Diskriminierungen aufgrund der sexuellen Identität gibt es nicht und schon gar keine, die zur Verurteilung von Taten gegen LGBTIQ-Personen führen könnten. Auch soziale Dienstleistungen existieren nicht. Daneben gibt es weder ein Recht auf sexuelle Selbstbestimmung (teils wird dieses auch nicht Mädchen zugesprochen, an denen im Senegal immer noch Genitalverstümmelungen vorgenommen werden), noch ein Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Einen IDAHOBIT oder andere Kampftage gibt es noch lange nicht. Im Gebiet der Goldminen in Kedougou im Südosten des Landes ist zudem Zwangsprostitution an Minderjährigen ein Thema.
Doch nicht nur aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Identität als „anders“ eingestufte Menschen erfahren Diskriminierung. Stigmatisierungen von Menschen mit Behinderungen sind ein großes Problem. Auf dem afrikanischen Kontinent ist da vor allem an Albinismus zu denken und die Diskriminierung von Betroffenen und Angehörigen. Ein Bericht des Menschenrechtsrats der UN aus 2020 zeigte, dass Frauen mit Albinismus selbst und diejenigen, deren Kinder die Krankheit haben, unter unangemessener Diskriminierung und Stigmatisierung leiden. Ikponwosa Ero, eine nigerianische Aktivistin, die selbst Albino ist, wurde 2015 die erste unabhängige Expertin des Menschenrechtsrats für die Wahrnehmung der Menschenrechte durch Menschen mit Albinismus. Sie hat viel getan, um schädliche Mythen rund um Albinismus zu beseitigen. Ihr neuer Bericht beschreibt den exzessiven Missbrauch und die Diskriminierung, die Frauen mit Albinismus oder deren Kinder mit Albinismus aufgrund ihres Geschlechts erleiden. Sie berichtet, dass die Frauen von ihren Familien im Stich gelassen werden. Mütter von Kindern mit Albinismus werden für ihren Zustand verantwortlich gemacht und oft aus ihren Gemeinschaften verbannt. Sie sagte, Frauen mit Albinismus werden körperlich angegriffen und der Hexerei beschuldigt. Zudem erleiden Albinos sexuelle Gewalt aus verschiedenen Gründen, einschließlich des Glaubens, dass solcher Geschlechtsverkehr HIV/AIDS heilen kann – wodurch die geschädigte Person dann selbst erkrankt. Im Senegal führen viel Unwissenheit und falsche Überzeugungen zur Diskriminierung von Menschen mit Albinismus, die an den Rand gedrängt werden und oft isoliert und Opfer von Missbrauch bleiben. Albinismus bleibt ein "Tabu". Die betroffenen Familien verstecken Albinos in ihren Häusern, was ihnen den Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung sehr erschwert. Außerdem gibt es im Senegal nur sehr wenige medizinische Fachkräfte, die auf diesen Bereich spezialisiert sind. Bislang wurde im Senegal keine Zählung von Albinos durchgeführt. Dieser Mangel an Informationen behindert die Umsetzung von Projekten und verhindert ein richtiges Verständnis des Phänomens. Wenn hierfür ein Bewusstsein geschaffen wurde, kann auch an weitere Schritte gedacht werden. Bei Themen wie diesem ist wichtig, dass (durch öffentliche Kampagnen und Aufklärung) zuerst die gesellschaftliche Veränderung stattfindet und erst danach gesetzgeberische Schritte eingeleitet werden, die diesen Fortschritt versiegeln. Andersrum, also zuerst das Gesetz und dadurch ein Umdenken erzwingen, kann es nie funktionieren. Ein Gesetzestext kann einen solchen Einfluss auf die breite Bevölkerung nicht haben. Da die allgemeinen Menschenrechte von den Angehörigen der Volksgruppen im Zeichen des allgemeinen Gleichheitssatzes und der üblichen Diskriminierungsverbote auch zur Verwirklichung ihrer Minderheitenanliegen in Anspruch genommen werden können müssten, könnte man meinen, dass diese Minderheitenrechte überflüssig seien, weil sie nur etwas Selbstverständliches bekräftigten. Streng juristisch gesehen ist dies in der Tat so, ganz überflüssig sind diese Bekräftigungen indes trotzdem nicht, da es eine politische Erfahrungstatsache ist, dass viele Staaten keine rechtsstaatlichen Demokratien sind und rechtsstaatliche Grundsätze vor allem im Umgang mit ihren Minderheiten missachten. Insofern haben die Minderheitenrechte die Funktion, das Gewissen der Staaten um ihre Menschenrechtsverpflichtungen in Bezug auf Minderheiten zu schärfen.

Auch Diskriminierung aufgrund von Kaste und Abstammung sind in Westafrika ein Thema. Ähnlich wie in Indien gibt es auch in Westafrika ein Kastensystem, eine Form der sozialen Schichtung. Diese Kastensysteme sind geprägt durch Endogamie, hierarchischen Status, vererbten Beruf, Zugehörigkeit durch Geburt und sogenannte „Verschmutzungskonzepte“.
Bei jeder einzelnen westafrikanischen Ethnie lässt sich eine Tradition der Abstammungsdiskriminierung finden. Trotzdem variieren die konkreten Charakteristika zwischen den einzelnen ethnischen Gruppen: Manche haben ein starres Kastensystem, andere sind diffuser. Die Hierarchien sind aber bis heute in den meisten Gesellschaften präsent. Im Senegal beispielweise gibt es parallel zu den ethnischen Gruppen die Kasten. Ethnische Gruppen stellen kulturelle Gruppierungen dar, während das Kastensystem die soziale Hierarchie repräsentiert. Diese soziale Hierarchie basiert auf dem Beruf, den die Vorfahren vor Jahren ausgeübt haben. Früher war es der Familienname, der die Zugehörigkeit zu einer Kaste kennzeichnete. Außerdem war das Kastensystem sehr sichtbar. Dies ist heute aufgrund kultureller Vermischung nur noch in einigen Teilen des Senegals der Fall. Dennoch ist die Kaste in der modernen senegalesischen Gesellschaft präsent. Dieses System schafft Diskrepanzen auf mehreren Ebenen, zum Beispiel bei Eheschließungen: Es ist sehr schwierig, kastenübergreifend zu heiraten. In vielen westafrikanischen Staaten geht kastenbasierte Diskriminierung deutlich weiter, bis hin zur modernen Sklaverei wie in Mauretanien oder der Wahaya in Niger, einer Form des Konkubinats, bei der Mädchen verkauft werden, um Hausarbeiten zu verrichten und als sexuelle Dienerinnen ihrer Herren zu dienen. Die Mädchen werden an wohlhabende und prominente Hausa-Personen als inoffizielle "fünfte Ehefrau" (zusätzlich zu den vier Ehefrauen, die ein Mann nach islamischer Tradition legal im Niger haben kann) verkauft. Trotzdem hinterlässt auch die leichtere Form der kastenbasierten Diskriminierung im Senegal ihre Spuren: Das Land hatte beispielsweise noch nie einen Präsidenten aus einer anderen Kaste als der Adelskaste. Der Präsidentschaftskandidat und Sänger Youssou N'Dour von 2012 sah sich beispielweise einiger Kritik ausgesetzt, weil seine Mutter griot war. Griots waren berufsmäßige Sänger, Dichter und Instrumentalisten, die in einer bestimmten Form des Gesangs epische Texte als Preissänger, Geschichtenerzähler, Lehrer oder rein zur Unterhaltung vortrugen. Noch heute findet eine traditionelle Feier in einem westafrikanischen Land selten ohne Anwesenheit eines Nachkommens der griots statt, dennoch genießen sie ein sehr niedriges Ansehen. Früher ging die Diskriminierung so weit, dass griots eine richtige Beerdigung verwehrt wurde. Sie wurden in holen Baobabbäumen „begraben“, aus Angst, eine unterirdische Bestattung könnte den Boden unfruchtbar machen. Andere diskriminierte Abstammungsgruppen sind Handwerker wie Schmiede (forgerons).
Auch existiert kastenbasierte Diskriminierung sogar in der senegalesischen Diaspora. Trotzdem wird behauptet, dass die Rolle bzw. Wichtigkeit der Kastenzugehörigkeit immer weiter abnehme.
Gegen all diese Umstände ist es schwierig vorzugehen, weil sie kulturell bedingt sind. Es bräuchte Normen, die konkret zum Ziel haben, Diskriminierung aufgrund der Kastenzugehörigkeit zu beseitigen. Kastenbasierte Diskriminierung muss in jedem Land (verfassungs-)rechtlich als ein Menschenrechtsproblem anerkannt werden. Auch UN-Leitlinien in diese Richtung wurden in vielen westafrikanischen Staaten noch nicht ratifiziert, auch wenn dies ein einfacher erster Schritt wäre – dies zeigt, dass es eher am mangelnden Willen liegt. Institutionen wie das Parlament müssen sich für Menschen aus allen Kasten öffnen, denn erst ein divers besetztes Organ kann alle Menschen mitdenken. Solange aber die oberen Kasten sich weigern, Platz zu machen, müssen Angehörige der unteren Kasten auf ihren Missstand aufmerksam machen und öffentlichkeitswirksam gegen ihre aktuelle Lage demonstrieren. Doch wegen der Stigmatisierung, die mit der Zugehörigkeit einhergeht, verschleiern die meisten lieber ihre Herkunft – an dieser Stelle wird also Aufklärungsarbeit wichtig. Wenn Kinder aus allen Kasten bereits in der Schule lernen, dass diese Zuschreibung diskriminierend ist und nicht mehr praktiziert werden sollte, kann sich Einiges ändern. Um einen solchen Lehrstoff im Lehrplan als Pflichtstoff durchzusetzen, könnten gesetzgeberische Maßnahmen helfen. Zudem kann das Parlament eine Untersuchung einrichten, um konkrete und aussagekräftige Zahlen zu sammeln und sich ein Bild über die aktuelle Lage von abstammungsbasierter Diskriminierung zu verschaffen. Menschen werden erst etwas an ihrer Situation ändern, wenn sie das ihnen angetane Unrecht begreifen. Reappropriationsbewegungen zur Identitätsstärkung der untergeordneten Gruppen könnten ein interessanter Ansatz sein. In Borgou in Nordbenin begründen die Gando, ehemalige Sklav:innen der Peuls, ihre Identität durch die Aufwertung der körperlichen Arbeit neu. Denn während für die Peuls, wie allgemein für die ehemaligen Sklavenhalter, solche Arbeit mit dem Image von Dienstbarkeit und Verfall verbunden ist, erscheint ihren früheren Sklav:innen körperliche Kraft und Anstrengung nun als gleichbedeutend mit sozialer Aufwertung. Denn Handwerk bringt nicht nur materielle Güter hervor. Sie ermöglicht es den ehemaligen Sklav:innen auch, einen Wert zu schaffen, der ihnen gemeinsam ist, und sich von den Peuls abzusetzen. Dazu kehren sie das alte Stigma der körperlichen Arbeit um und verwandeln es in einen Hebel der Emanzipation. Diese Wiederaneignung dessen, was früher stigmatisierte, findet man ähnlich in der mauretanischen Bewegung El Hor. Sie fordert eine “völlig neue Gesellschaft, wo die Bezeichnung Haratin mit Stolz getragen wird”. Auch die nigrische NGO Timidria kehrt derart die Begriffe um. Sie macht sich die koloniale Kategorie der “Tuareg schwarzer Herkunft” zu eigen, um schon durch den Namen die Grundlagen der Rassendiskriminierung zu zersetzen.
Ein solcher Wandel dauert und muss insbesondere auch in den Köpfen der als höherrangig angesehenen Gruppen geschehen, doch niemand mag seine privilegierte Stellung aufgeben. Das Kastensystem überlebt, weil es Menschen gibt, die davon profitieren. In Mauretanien trägt die Sklaverei dazu bei, die Macht der Elite der weißen Männer zu sichern. Eine Emanzipation der unterdrückten Bevölkerungsmehrheit würde diese Macht erschüttern und u.a. zu Landverlust der mauretanischen Herrscher führen, den diesen nicht hinnehmen wollen. Einstellungen, die das Kastendenken fördern, werden verbreitet und mit der Notwendigkeit begründet, das „Gleichgewicht der Gesellschaft“ und gemeinsame Werte zu bewahren. Vor allem die ältere Generation, die ihr ganzes Leben komfortabel in diesen Strukturen lebte, wird sich schwertun. Hinzu kommt die patriarchalische und autoritäre Ordnung, die in den meisten westafrikanischen Ländern und Familien herrscht und bereits mit der Gleichstellung der eigenen Frauen und Töchtern zu kämpfen hat.

Quellen

Stand: 29. Juli 2021

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